Jörg Matysik

Wer ich bin?

Ich wurde in der Stadt Essen geboren und bin typisches Ruhrgebietskind. Beide Großväter waren Arbeiter in der Montanindustrie. Zunächst absolvierte ich eine Berufsausbildung zum Chemielaboranten (Fachrichtung Steinkohlen-Bergbau) bei der Bergbau-Forschung GmbH in Essen-Kray. Das „Steigerlied“ verursacht mir bis heute Gänsehaut. Besonders diese Aufnahme (Abschied des Ruhrgebiets vom Steinkohlen-Bergbau). Mehr Ruhrgebiet, mehr Fleiß, mehr ehrliche Arbeit geht nicht. Hier der Ruhrkohle-Chor auf Schalke. Hier das Steiger-Lied auf einer Berg-Parade im Erzgebirge/Sachsen.

1986/87 engagierte ich mich bei der Aktion Sühnezeichen und arbeitete in dem Altenheim „Beth Achwa“ in Tel-Aviv Yad-Eliyahu. Die meisten der alten Menschen, die ich dort pflegte, hatten die Lager in Europa überlebt. Bis heute bin ich von der unerwarteten Herzlichkeit, mit der ich aufgenommen wurde, sehr beeindruckt. Danke an die Menschen in Israel.

Anschließend studierte ich Chemie an der GH-Universität Essen, wo ich 1992 ein Chemie-Diplom mit einer Arbeit in der Molekülspektroskopie erwarb. Besonders beeindruckte mich die spektroskopische Welt von Prof. Bernhard SCHRADER. Während meines Studiums absolvierte ich auch ein Austauschsemester an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Sept. 1990 – Feb. 1991), genau zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung. Diese dramatische Umbruchszeit war ein großer Schatz: Alles war im Fluß, aber zeitlose kulturelle Maximen waren doch da, Gespräch war immer möglich, Gespräch war immer gewollt. Meine Zusammenfassung: hier. Danke an die Menschen in Jena.

Für meine Promotion (1995) am MPI Strahlenchemie in Mülheim an der Ruhr untersuchte ich biologische Photorezeptoren mit spektroskopischen Methoden (Raman-Spektroskopie an Phytochrom): Wie wissen Pflanzen, ob es hell oder dunkel ist?

Als Stipendiat der JSPS und der Humboldt-Stiftung arbeitete ich zwei Jahre am Institute for Molecular Sciences in Okazaki (Japan). Dort untersuchte ich Häm-Proteine mit Raman-Spektroskopie: Wie funktioniert der zelluläre „Diesel-Motor“?

INDIEN traf mich als Geschenk mit bis heute nicht voll begriffener Wucht.

Von 1997 bis 2012 war ich am Leiden Institute of Chemistry der alten niederländischen Universität Leiden tätig. Das intellektuelle Klima DER NIEDERLANDE empfand ich als anspruchsvoll, frei, ehrlich, unkompliziert, inspirierend. So muss es sein. Danke an die Niederlande. Seit dieser Zeit arbeite ich mit Festkörper-NMR-Methoden und an optischer Signalverstärkung.

Seit Januar 2013 bin ich Professor für Analytische Chemie und Molekülspektroskopie an der Universität Leipzig. Ich empfinde es als eine besondere Ehre, an dieser großen alten Universität lehren zu dürfen. Die Kombination Leiden & Leipzig, zwei Geburtsstätten der Quantentheorie, empfinde ich als besonders gewinnbringend.

Ich beobachte und analysiere seit meiner Jugend die Entwicklung meiner Gesellschaft. Meine berufliche Laufbahn und meine persönliche Entwicklung ermöglichten es mir, die Entwicklung Deutschlands mit Ländern wie Israel, Japan, den Niederlanden und Indien zu vergleichen. Besonders die Zeit in Tel Aviv ermöglichte es mir, Menschen aus Politik, Medien und Diplomatie kennenlernen zu dürfen.

Durch meine Biografie wurde ich zu einem Internationalisten, der die Vielfalt der verschiedenen Nationen mit ihren Sprachen und Kulturen schätzt. Es macht Spaß, etwa meinen Namen mit chinesischen Zeichen zu schreiben: 誉宫 (japanische Aussprache). Die Ablehnung des Konzepts des Volkes oder einer Nation erscheint mir als Ablehnung dieser anregenden Vielfalt. Ein Statement wie: „Ein deutsches Volk gibt es nicht“ (oder auch irgend ein anderes Volk) empfinde ich als dumm oder boshaft. Ein Philosoph würde das nie sagen. Ich schätze etwa sehr die Beiträge unseres Volkes zur Musik, Philosophie und Naturwissenschaft. Die Kulturen meiner Gastländer waren und sind mir sehr anregend, und ich versuchte stets, möglichst tief in sie einzutauchen. 

Ich bin fest von der entscheidenden Rolle der BILDUNG überzeugt. Bildung steht NICHT im Zusammenhang mit akademischer Ausbildung. Bildung ist eine Eigenschaft des Bewusstseins. Zwischen gebildeten Menschen wirken Unterschiede anregend. Wie fröhlich kann man mit gebildeten Japanern gemeinsam über kulturelle Unterschiede lachen!

Google-KI schreibt treffend: „Das deutsche Wort „Bildung“ ist ein vielschichtiger Begriff, der über reine Wissensvermittlung hinausgeht; er beschreibt die Entwicklung der Persönlichkeit, die Fähigkeit zur Selbstbestimmung und die reflexive Auseinandersetzung mit sich selbst, anderen und der Welt, um ein erfülltes Leben zu gestalten, inklusive Wissen, Fähigkeiten und moralischer Urteilsfähigkeit, oft verknüpft mit dem Ideal der individuellen Entfaltung.“

Leute: Lest GOETHE, lest KANT, lest antike & internationale Klassiker. Entkoppelt Euch vom Zeitgeist: nicht weil dieser schlecht, sondern weil er zufällig ist.  Mein Tipp für Starter: „Daphnis & Cloe“ (LONGOS, 200 n. Chr.), ein Roman, den Goethe auch ganz wunderbar fand. Seht zu, dass Ihr eine solide naturwissenschaftliche Allgemeinbildung habt: Jeder gebildete Mensch muss wissen, warum der Himmel blau und warum Blut rot ist. Eine Begegnung mit BEETHOVENs Neunter und REMBRANDTs Nachtwache muß auch sein. Natürlich sind auch indisches JOGA (das Wort योग ist mit dem dt Wort „Joch“ = „verbinden“ verwandt) und japanischer ZEN () höchste Formen menschlicher Kultivierung.

Bereits 2015 war mir klar, dass unser Land unter dem Einfluss einer verantwortungslosen & provinziellen Politik, die von einer naiven, gegenaufklärerischen und intoleranten Ideologie geleitet wird, niedergehen wird. Da hatte ich bald die Idee zu diesem Blog. Aus Dankbarkeit einer einst großartigen Gesellschaft gegenüber. In der Hoffnung, zu deren Gesundung beitragen zu dürfen.

Bin heute auch dankbar, bei der Gründung des Netzwerks Niederländischer Wissenschaftler in Deutschland sowie als Stellv. Sachverständiger der Enquete-Kommission des Thüringer Landtags zur Corona-Aufklärung mithelfen zu dürfen.


ORCID number: 0000-0002-7800-7443